Die Automatisierung blickt in den Höllenschlund der Qualifizierung

Götz-Andreas Kemmner

Seit Wochen verfolgt mich in den Gedanken eine einfache Grafik: Ein D überlagert von einem C; beides mit lockerer Hand auf ein Flipchart gemalt. Was so harmlos aussieht hat explosive Bedeutung.

Die Grafik soll veranschaulichen, wie sich der Qualifikationsbedarf in den Unternehmen durch die zunehmende Automatisierung drastisch verändern wird. 
Aufgemalt hat diese Kurve vor einigen Wochen mein Kollege, Prof. Sames bei einer Arbeitskreissitzung. Was er damit ausdrücken wollte, ist einfach zu verstehen: Heute sieht die Qualifikationsstruktur in einem typischen Produktionsunternehmen wie ein D aus. Es gibt wenige Arbeitsplätze für gering Qualifizierte und wenige für sehr hoch Qualifizierte. Die meisten Arbeitsplätze stellen durchschnittliche Anforderung an die durchzuführenden Tätigkeiten und erfordern nur durchschnittliche Handlungskompetenz.
Genau von diesen Arbeitsplätzen wird es durch die Digitalisierung immer weniger geben, da sie zunehmend automatisiert werden können. Die heutige D-förmige Qualifikationsstruktur wird sich daher zu einer C-förmigen verschieben. Die bisherigen Inhaber der vergleichsweise vielen Arbeitsplätze mit durchschnittlichem Qualifizierungsniveau werden zu den Rändern hin verlagert werden – ohne dass es zu signifikanten Freistellungen kommen muss. Zum einen haben wir einen Arbeitskräftemangel. Zum anderen wird aber auch der Bedarf an hochqualifizierten Tätigkeiten durch die Automatisierung zunehmen und ebenso der Bedarf an einfachen relativ anspruchslosen Tätigkeiten für den nicht automatisierbaren Kleinkram.

Die durchschnittlich ausgebildete Mittelschicht verschwindet jedoch und die qualifikatorische Oberschicht sowie das Qualifikations-Prekariat werden zunehmen.
Damit öffnet sich für Mitarbeiter und Unternehmer ein Höllenschlund: 

  • Für einen Großteil der Mitarbeiter in unseren Unternehmen wird sich die Frage stellen: Schaffe ich die Höherqualifizierung oder rutsche ich ab? 
  • Für viele Unternehmer wird sich die Frage stellen: Habe ich genug Hochqualifizierte, um mit der Automatisierung voran zu kommen? 

Nach Einschätzung von Sames wird es den Hochschulen nicht gelingen, genug Hochqualifizierte auszubilden, um den Bedarf in der Qualifikationsoberschicht zu decken. Die Herausforderung für die Unternehmen wird darin bestehen, selbst Maßnahmen zu ergreifen, um die Mitarbeiter für ihre anspruchsvolleren neuen Aufgabenstellungen zu qualifizieren. 
Gelingt dies nicht, wird die Automatisierung steckenbleiben, was der internationalen Wettbewerbsfähigkeit in einer zunehmend globalen Gesellschaft nicht zuträglich ist. Flucht nach vorne ist also angesagt!