Aus der Vergangenheit lernen

Professor Stefan Spinler leitet den Lehrstuhl für Logistikmanagement an der WHU – Otto Beisheim School of Management. Ein Gespräch darüber, ob Unternehmen hamstern sollten, Lean Management ausgedient hat und wieso ein digitaler Datenaustausch für das Risikomanagement hilfreich wäre.

Herr Professor Spinler, ist es überhaupt noch möglich, Lieferketten aufrecht zu halten?  Ja, das ist tatsächlich eine Herausforderung. Als die Krise noch regional auf China begrenzt war, haben wir das schon gesehen. Für verschiedene Komponenten und Produkte gab es nur Zulieferer dort. Jetzt mit den globalen Ausmaßen ist es natürlich noch einmal eine Stufe komplexer geworden. 

Welche Branchen sind besonders betroffen?  Die Automobilbranche zum Beispiel und in der klinischen Industrie gibt es Engpässe. Auch die Elektronikbranche ist betroffen. Da sind die Lagerbestände generell niedrig, weil man vermeiden will, dass die Güter im Lager an Wert verlieren. Deshalb sind die Lagerbestände schnell erschöpft. In aller Regel sind die Supply Chains global. Denken Sie beispielsweise an das Smartphone. Da kommen die einzelnen Komponenten von überall her und werden dann in China oder Südkorea zusammengebaut. Und all das ist im Moment schwierig oder gar nicht möglich. 

Aus Kostengründen wird in Ländern wie China produziert. Jetzt kommt die Diskussion auf, Produktionen wieder nach Europa oder gleich nach Deutschland zurückzuholen. Geht das denn so einfach?  Kurzfristig Produktionen aus Krisengebieten nach Deutschland zu verlagern, ist nicht möglich. Es fehlt die Expertise und die nötigen Produktionsmittel. Mittel- und langfristig könnte man darüber nachdenken, Lagerbestände im Sinne eines Risikomanagements aufzubauen und das näher an der Heimat. Sei es in Osteuropa oder in Deutschland selbst. 

Viel wird ohnehin nicht mehr gelagert. Die schlanke Produktion will Verschwendung vermeiden und dazu gehören auch Lagerkosten. Sollten Unternehmen anfangen zu hamstern?  Da kann man durchaus aus der Vergangenheit lernen. Die Nuklearkatastrophe in Fukushima 2011 hatte enormen Einfluss auf Toyota. Das ist ja das Vorzeige-Unternehmen, wenn es um Lean Management geht. Das hat damals zu einem Umdenken geführt. Lean muss nicht heißen, dass es gar keine Lagerhaltung mehr gibt. Sondern, dass die just-in-case-Lagerhaltung aufrecht erhalten bleibt, um zumindest für einige Tage oder Wochen lieferfähig zu sein. Doch das produziert Kosten. Daher wird abgewogen, wie wahrscheinlich einzelne Ereignisse sind und welchen Impact sie haben werden. 

Im Falle der Corona-Pandemie zeigt sich doch deutlich, dass Vorräte in bestimmten Bereichen hilfreich gewesen wären.  Absolut. Das sieht man beispielsweise bei der Schutzausrüstung für das medizinische Personal. Das ist Mangelware, weil man da keine Bestände gebildet hat. 

Stichwort Risikomanagement. Spielte das bisher in der Supply Chain überhaupt eine Rolle?  Ja, spätestens seit Fukushima haben die meisten Unternehmen das auf dem Schirm. Davor gab es den Vulkanausbruch in Island, der die ein oder andere Lieferkette gestört hat. Daher ist das Thema Supply-Chain-Risk-Management bei den meisten Unternehmen etabliert. Ein Problem dabei ist: Solange alles gut geht, entstehen nur Kosten. Und nur für den glücklicherweise unwahrscheinlichen Fall, dass so etwas wie jetzt auftritt, entsteht ein Nutzen. Doch diese Kosten-Nutzen-Rechnung wird sich künftig eher gen Nutzen denn Kosten verschieben. 

Gibt es einen Aspekt beim Risikomanagement, der durch Covid19 besonders an Bedeutung gewinnt?  Ein Thema beim Risikomanagement ist die Transparenz von globalen Lieferketten. Und das ist durchaus eine Herausforderung, bedenkt man, dass Lieferanten wieder Lieferanten beschäftigen. Für die meisten OEMs, die ein Gut herstellen, ist es schwierig nachzuvollziehen, wer an vierter, fünfter Stelle in die Lieferkette involviert ist. Gäbe es hier Transparenz, zum Beispiel durch digitalen Datenaustausch, dann wäre das sehr hilfreich. Man könnte feststellen: Gibt es eine Krise und wenn ja, in welchem Umfang ist einer meiner Zulieferer betroffen? Und was bedeutet das für die Lieferkette, wenn der Lieferant ausfällt? Ist es beispielsweise möglich zu einem alternativen Zulieferer zu wechseln? Ich glaube das Thema Datentransparenz wird noch viel stärker in den Vordergrund treten. 

© Foto Prof. Spinler: WHU/Kai Myller